Sich für das Gute entscheiden.
(Kleine Ethik des Alltags)
Kaum einer wird in Frage stellen, dass es wichtig und richtig ist, sein Leben an dem auszurichten, was wir als "das Gute" verstehen.
Grundsätzlich lassen es unsere Moralvorstellungen nicht zu, dass man sich in vollem Bewusstsein, vielleicht sogar explizit, für das "Nicht-Gute" entscheidet. (Ich schreibe bewusst nicht "das Schlechte", weil es zu viele inhaltliche Fragezeichen hinterlässt)
Es ist undenkbar, dass unser soziales Umfeld die explizite Aussage akzeptiert: "Ich weiß zwar, was in dieser Situation 'gut und richtig' ist, entscheide mich aber für das andere. Weil ich mir mehr davon verspreche, weil ich Spaß am Eklat habe, ein Sadist bin, weil es egal ist oder aus einem anderen Grund."
Gerade diesen innerlichen Vorgang beobachte ich tagtäglich - bei mir selbst. Natürlich nur und ausschließlich bei mir selbst. Denn niemand sieht in das Herz des anderen, niemand kennt die Beweggründe, die das Verhalten und die Entscheidungen des anderen beeinflussen.
Es lässt sich am besten als Schere bezeichnen oder als Spagat, den wir vollziehen. Die Schere zwischen Schein und Sein. Das alte Lied von demjenigen, der Wasser predigt und Wein trinkt.Das ist der Zustand, den es zu überwinden gilt. Das Schließen dieser Schere ist zweifellos eine Lebensaufgabe. Keine Angelegenheit, die sich abwickeln und abschließen lässt sondern die tägliche, ultimative Herausforderung für jeden Menschen.
Ich denke, dass es einfacher ist, sich in den großen Linien, die unser Leben bestimmen, für das Gute zu entscheiden als in den Kleinigkeiten. Man entwirft ethische Grundsätze für sein Leben, trifft große Entscheidungen (Ehe, Familie, Kinder, Beruf, Glaube, persönliche Entwicklung) mit dem Anspruch, etwas Richtiges zu tun. Einer solchen großen Entscheidung - oft in einem besonderen Umfeld auch noch feierlich artikuliert - stehen dann viele kleine Weggabelungen und Möglichkeiten gegenüber, bei denen wir uns dann wieder für das ganz Andere entscheiden können und das dann oft genug auch tun. Wir unterminieren unsere grundsätzlichen Entscheidungen für das Gute mit vielen - oft geringfügig erscheinenden - Abweichungen von diesem Ziel.
In Analogie zur Fahrt eines Schiffes könnte man sagen, dass der Kurs, mit dem man beispielsweise eine kleine Insel im Ozean ansteuert, keine Abweichungen zulässt, weil sonst die Fahrt am Ziel vorbei gehen würde. Je größer die Abweichung, umso ausgeschlossener ist es, dass das Schiff sein Ziel je erreicht. Erkennt der Kapitän des Schiffes das Problem rechtzeitig, kann er gegensteuern und er wird das auch tun. Das Manöver geht auf Kosten von Zeit und Treibstoff, aber seine Sinnhaftigkeit wird natürlich nicht hinterfragt.
Auch unser Leben ist bestimmt von Abweichungen. Von Ereignissen, die uns vom Kurs abbringen, die unsere großen Ziele aus dem Blickfeld rücken. Das geschieht langsam, schleichend. Zunächst passiert nichts Dramatisches. Nur die ständige Kontrolle der Koordinaten zeigt irgendwann, dass etwas nicht stimmt. Erst diese Erkenntnis befähigt uns, die nötigen Schritte für eine Kurskorrektur einzuleiten, die uns am Ende des Weges vor dem großen Scheitern bewahren kann.
Wir entscheiden in den kleinen Situationen des Alltags, ob wir auf Kurs bleiben oder nicht. Wenn wir beispielsweise nicht nur dann die Wahrheit sagen, wenn eine Lüge unnötig ist. In unglaublich vielen Facetten bieten sich uns dauernd Möglichkeiten der Bewährung und gleichzeitig auch des Scheitern.
Stolperfallen, die uns auf unserem Weg begegnen, gehören einfach dazu. Ich halte es für ausgeschlossen, nicht immer wieder einmal in eine hinein zu tappen. Aber es eröffnet sich ein breites Betätigungsfeld für denjenigen, der sich selbst beherrschen und verbessern will.

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